Recherche

Das Recherchieren ist im engeren Sinne ein Verfahren zur Beschaffung und Beurteilung von Aussagen, die ohne dieses Verfahren nicht preisgegeben, also nicht publik würden. Im weiteren Sinne ist es ein Verfahren zur adäquaten Abbildung realer, d. h. sinnlich wahrgenommener Wirklichkeit mit den Mitteln der Sprache. (Quelle: Michael Haller - Medienwissenschaftler, zitiert nach Wikipedia )
 

Wie alles begann

Meine Frau und ich machten 2009 unsere Hochzeitsreise zufällig nach Vietnam. Wir besuchten alle wichtigen Touristenattraktionen quer durch das Land und hängten noch eine Woche Strandurlaub in Mũi Né  dran. Ein wunderbarer Urlaub.

Selbstverständlich begegnet man überall im Land den Folgen von dreißig Jahren Krieg. Auch wenn die sehr junge Bevölkerung keine persönliche Erinnerung hat, halten das Vermächtnis der Ahnen, die immer noch auftretenden Folgen der chemischen Kriegsführung und die offiziellen Verlautbarungen der Regierung, das Andenken lebendig.

Schon während der Rundreise dachte ich an meinen Vater. Auch er war irgendwann Soldat in Vietnam gewesen, noch zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft. Was war damals passiert? Warum war er überhaupt hier gewesen? Wer waren die Frau und das Mädchen auf einem der wenigen Fotos, das ich von damals kannte? Dies waren Fragen, auf die ich keine Antwort hatte.

Vierzig Jahre nach seinem Tod, hatte ich auf einmal den starken Wunsch, mehr darüber zu erfahren. Wenige machten mir Hoffnung, nach so langer Zeit noch etwas herausfinden zu können. Dazu kam die Frage, wozu ich das denn jetzt noch wissen wolle, es sei doch so lange her.
 

Erste Schritte und Erfolge 

Zum Glück gibt es heute das Internet. Stundenlang habe ich mich durch Seiten zum Krieg in Indochina und zur Fremdenlegion gearbeitet. Kaum einer kennt den französischen Krieg in Indochina von 1945 – 1954. Die meisten Menschen verbinden lediglich den amerikanischen Krieg von 1964 – 1975 mit dem Vietnamkrieg.

In einem Forum ehemaliger Fremdenlegionäre riet man mir, mich direkt an die Legion in Frankreich zu wenden. Also schrieb ich einen Brief und erklärte mein Anliegen. Nach Wochen des Wartens kam endlich die ersehnte Antwort. Sie enthielt wichtige Informationen:  neben der Verpflichtungserklärung meines Vaters auf fünf Jahre vom Februar 1952 auch eine Kopie seines Soldbuches. Darin stand ganz am Ende, dass er im Januar 1956 von der Legion desertierte.

Sofort hatte ich die Vermutung, dass es mit dem Foto zu tun hatte. Auf der Rückseite des Bildes stand: „Weihnachten 1960 – Nha Trang“. Das Mädchen schätzte ich auf fünf Jahre. Waren sie der Grund für seine Desertion gewesen?

Ständig neue Entdeckungen: Es geht aufwärts 

Mit der Zeit begann ich, meine Recherchen auszuweiten. Ich nahm jetzt auch die Vorfahren meiner Mutter und weiter zurückliegende Vorfahren meines Vaters in die Suche auf. Wer war eigentlich mein Großvater gewesen? Ich kannte ihn nur vom Eintrag auf dem Grabstein meines Vaters: Walter Redlich (1899–1945), versehen mit einem Eisernen Kreuz. Eine Recherche beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ergab schnell, dass er nicht im Osten, sondern in Frankreich nach Ende des Krieges im August 1945 verstorben war. Eine Anfrage bei der Wehrmachtauskunftstelle im Bundesarchiv wurde nach einem Jahr beantwortet: Er starb in einem französischen Lager für deutsche Kriegsgefangene in Rennes.

Ich fing an, ein Blog zu schreiben, um meine Ergebnisse zu veröffentlichen. Dieses Blog las einer meiner Cousins, der selbst angefangen hatte, die Geschichte unserer Vorfahren zu erforschen. Er kontaktierte mich per Mail. Seit dem Tod u nserer Großmutter hatten unsere Familien den Kontakt abgebrochen. Wir trafen uns und waren alle froh, uns wiedergefunden zu haben. Mein Cousin brachte einige Unterlagen mit, die er von seiner Mutter, Vaters Schwester, erhalten hatte; darunter einen Brief unserer Großmutter, in dem sie vom Besuch des Bischofs aus Cần Thơ in Münster berichtete und wie mein Vater sich mit ihm traf, um seine Familie nach Deutschland nachkommen zu lassen. Das war absolut unerwartet für mich. Bislang hatte ich fest daran geglaubt, seine erste Familie sei vor seiner Rückkehr im Bürgerkrieg getötet worden. Jetzt stand da, dass er hatte noch Anfang 1963 versucht hatte, sie nach Deutschland zu holen. Meine vietnamesische Schwester lebte damals also noch!


Nur nicht aufgeben

2012 reiste ich nach Vietnam da ich genügend Informationen hatte, um vor Ort nach meiner Schwester zu suchen. Ich fuhr ins Mekongdelta nach Rạch Gòi bei Cần Thơ, besuchte die Tabakfarm in Nha Trang und sprach mit den Nachfahren des damaligen Besitzers. Ich traf viele wunderbare und sehr hilfsbereite Menschen. Leider fand ich keinen Hinweis auf meine unbekannte Halbschwester.

In den nächsten Jahren entdeckte ich weitere Zweige meines umfangreichen Stammbaumes. Inzwischen habe ich über 4.000 Personen im Stammbaum; dieser reicht teilweise bis ins Jahr 1600 zurück und in Länder wie Brasilien, Rumänien, Polen, Frankreich und die USA.

Einen richtigen Durchbruch gab es erneut im Jahre 2019. Nach dem Tod meines Onkels Willi, des Witwers von Vaters Schwester Helga, fanden seine Kinder, versteckt im Keller, eine Mappe mit über einhundert Briefen meines Vaters an seine Mutter aus der Zeit von 1949 bis 1962. Ein gewaltiger Schatz, der viele Theorien bestätigte und Details hinzufügte. Erstmalig las ich in den Worten meines Vaters von seinem  Schicksal. 

Deshalb fuhr ich Anfang 2020 erneut nach Vietnam. und diesmal begleiteten mich meine Schwester und meine Tochter. Wir besuchten wieder alle Stationen meines Vaters in Vietnam und suchten überall nach meiner Schwester. Leider erneut vergebens. Aber mir wurde klar: Ich werde ein Buch über das Leben meines Vaters und auch meines Großvaters schreiben. Ihre Geschichte ist es wert, erzählt zu werden.

2021 machte ich noch eine Reise nach Frankreich und Belgien, um die Orte zu besuchen in denen mein Großvater als Soldat eingesetzt war. Sein Grab ist heute in der Nähe von Mont-Saint-Michel auf einem deutschen Soldatenfriedhof.  Dann fing ich an, alles aufzuschreiben. Es dauerte zwei Jahre und es gab Momente, in denen ich pausieren musste, da mich die Erlebnisse, besonders meines Vaters, emotional stark belasteten. Ich bin froh, dass das Buch jetzt fertig ist und im Mai 2024 erscheinen wird. 

Während der Recherche ging es oft auch darum, meine Halbschwester Karin zu finden. Mehrmals habe ich externe Organisationen um Unterstützung gebeten, darunter auch im August 2023 den YouTuber Tuấn Vỹ aus Vietnam. Er hat sich darauf spezialisiert, solche Fälle in seinen Videos zu veröffentlichen. Oft hat es schon geklappt. Ich habe ihn kontaktiert und ein Interview per Video mit ihm geführt, dabei war noch eine Dolmetscherin, da Tuấn kein Englisch spricht. Es fand um 5:00 Uhr morgens für mich statt und ich hatte, typisch deutsch, zunächst angenommen, es sei nur ein Vorgespräch. Aber es war gleich das volle Interview. Inzwischen hat es fast 700.000 Views. 

Galerie

Hier einige Fotos aus den Zeiten der Recherche.

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